Deutsch-Ungarische Gesellschaft

in der Bundesrepublik Deutschland e.V.

Ein Leben für die Musik: Karl Tschurl

Karl (Károly) Tschurl, Mitglied der Deutsch-Ungarischen Gesellschaft, wird im Juni 2021 89 Jahre alt. Er stammt aus Enese im Komitat Györ. Nach seinem Abitur durfte er wegen seiner Abstammung nicht einmal im Büro arbeiten, sondern wurde Facharbeiter in einer Fabrik. Denn seine Eltern waren wohlhabende Landwirte, die von den Kommunisten enteignet wurden.

Tschurls Leidenschaft galt immer der Musik. Trotz aller Widerstände erreichte er es mit Talent, Mut und starkem Willen, an der Franz Liszt Musik­akademie in Budapest studieren zu dürfen. Wie so viele begabte junge Ungarn, beteiligte er sich am Volksaufstand 1956 und musste seine Heimat verlassen. Zunächst landete er in London. An der dortigen Royal Akademie bekam er sein Diplom als Bratschist und Musiklehrer für Geige. Dann startete er eine internationale Karriere mit Stationen u.a. in Wien (Philharmonia Hungarica), Luzern, Baden-Baden. Fast 30 Jahre lang gehörte er den Duisburger Phil­har­mo­nikern an (Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf-Duisburg)

Und danach? Lassen wir Karl Tschurl selbst erzählen:
»Nachdem ich wegen meiner Berufskrankheit 2 Jahre früher in Rente geschickt wurde, habe ich in meinem Geburtsort eine »Internationale Musikwerkstatt« gegründet und sie nahezu 15 Jahre organisiert und geleitet. Aus Deutschland kamen in jedem Sommer 3-4 Amateurorchester, die dort eine Woche lang intensiv gearbeitet haben und anschließend ein schönes Abschlusskonzert gaben. Die Münchener Fachhochschule war sogar 7-mal mit Chor und Orchester, mit 120 Personen, da. Neben musikalischer Arbeit habe ich den Teilnehmern Land und Leute in Ungarn gezeigt.

Nach der Wende wurde ich für die Enteignung meiner Familie geringfügig entschädigt. So konnte ich etwas Land kaufen. Dies ist jetzt verpachtet und die

Pachteinkünfte bekommen restlos Kindergärten und Schulen meines Geburtsortes und noch zweier Dörfer. Das Geld soll für musikalische Bildungszwecke verwendet werden. Zum Beispiel haben alle Schüler in den drei Dörfern kostenlose Konzert Abonnements. Namhafte Künstler geben diese Konzerte auch mit entsprechenden musiktheoretischen Erklärungen.

Um den Kindern die Instrumente vorzustellen, habe ich Musiker engagiert, mal 5 Streicher, mal 5 Blechbläser, mal 5 Holzbläser und dann Schlagzeuger, die in allen drei Dörfern mit eingehender Erklärung die Instrumente vorgestellt haben. Um dies weiter im ganzen Land zu verbreiten, haben wir mit Berufsmusikern eine DVD unter www.hangszerbemutato.hu produziert. Auch darin werden die Orchesterinstrumente und ihre jeweiligen Passagen vorgestellt und erklärt. Ich habe 1.000 DVDs machen lassen, die in Kindergärten und Schulen kostenlos verteilt wurden. Dieses Programm ist auch im Internet jedem kostenlos zugänglich. Es wurde noch ergänzt mit einem Instrumenten-Quiz Spiel, wo die Kinder nach Gehör erraten sollen, welches Instrument gespielt wurde. Gerade jetzt in Corona-Zeit wurde dieses Programm in Ungarn sehr beliebt, als Fernunterricht. Auf der Web-Seite befindet sich ein weiterer Link mit Schlaf-Liedern für Neugeborene. (Gesang, Gedichte und klassische Musik). Ich habe davon 1.000 CDs machen lassen, die die Bürgermeister der drei Dörfer an die Familien und Kindergärten kostenlos verteilen.

Meine Tochter - die in Bonn an der Musikschule Klavierlehrerin ist – hat versprochen, diese Unterstützung auch nach meinem Ableben fort­zusetzen. Ich lebe jetzt in einem Seniorenheim in Bonn und leite dort einen kleinen Musikkreis. Für mein Engagement habe ich die Ehren­bürger­schaft meines Geburts­ortes bekommen und wurde vom ungarischen Staat mit der Ehre »Pro Cultura Hungarica« ausgezeichnet.«




Aus dem Ungarischen Volksaufstand nach Deutschland: László Fodor

Der Ungarische Volksaufstand von 1956 war ein Meilenstein der europäischen Freiheitsgeschichte, weil er deutlich machte, dass die kommunistische Unterdrückung nicht von Dauer sein würde.

Dr. László Fodor, seit Jahrzehnten ein Vorkämpfer der deutsch-ungarischen Freundschaft, gehörte schon als Schüler zu den damaligen Freiheitskämpfern. Gerade 17 Jahre alt, musste er nach Deutschland fliehen, wo er eine neue Heimat fand und als Mediziner Karriere machte.

Abenteuerlicher kann ein Lebensweg kaum sein. Jetzt hat er darüber ein Buch veröffentlicht. Es heißt: »Wellenreiter – ein ungarischer Europäer«.
Die Deutsch-Ungarische Gesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland nahm dies zum Anlass, um mit László Fodor über seine

damaligen Erlebnisse ins Gespräch zu kommen. Die Gäste der Veranstaltung verbrachten einen sehr nachdenklichen Abend. Moderiert von DUG-Präsident Gerhard Papke, berichtete Fodor, wie er sich als Jugendlicher auf die Seite der Revolution schlug und den Straßenkampf in Budapest erlebte. In seiner Schule von der eindringenden russischen Armee verhaftet, musste er fürchten, sofort erschossen zu werden. Doch ihm gelang die Flucht. Er verließ seine Heimatstadt Sopron und entkam zwischen russischen Soldaten hindurch nach Österreich.

László Fodors tief berührende Schilderung seiner Erlebnisse 1956 veranschaulicht, was viele Ungarn auf sich nahmen, um für die Freiheit ihres Volkes zu kämpfen. Sie setzten damit ein Zeichen für die Freiheit Europas.